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Philipp Lienhart im Interview
Philipp Lienhart im Interview

„Gänsehaut“ wegen „überragender Fan-Unterstützung“ im Finale – Philipp Lienhart im Interview

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SC Freiburgs Philipp Lienhart spricht im Interview über Zimmerkollege Ginter, den Konkurrenzkampf in der Innenverteidigung, die vergangene Saison inklusive Pokalfinale, die österreichische Nationalmannschaft sowie seine Mitspieler beim SC. (13.07.2022)

Lienhart über die Saisonvorbereitung in Schruns

Nik Staiger: Philipp, alles Gute nachträglich zum Geburtstag! Habt ihr gefeiert?

Philipp Lienhart: Dankeschön. Wir hatten einen freien Tag und eine kleine Runde der Spieler war mit mir Golfen. Und am Nachmittag haben wir regeneriert.

Haben die Jungs dich gewinnen lassen oder hast du sie abgezogen?

Ich habe schon aufgrund meiner Qualität gewonnen! (lacht) Das Niveau war überschaubar, aber am Ende konnte ich das Ding für mich entscheiden.

Eine schlechte Nachricht aus dem Trainingslager ist die Verletzung von Lucas Höler. Wie sehr wird er euch fehlen? Wie wichtig ist er auch neben dem Platz?

Sehr wichtig! Wir verstehen uns alle gut mit ihm. Auch in der Kabine – sein Wort hat bei uns Gewicht. Aber er ist auch nicht ganz weg von der Kabine. Natürlich ist es sehr schade, vor allem sportlich, weil er im Spiel sehr präsent ist. Er läuft viel und ist einfach ein sehr wichtiger Spieler für uns.

Ein Kollege, der für Dich wichtig wird, ist Matthias Ginter als neuer Mitspieler in der Innenverteidigung. Wie gut habt ihr euch schon kennengelernt?

Natürlich dauert es im Sportlichen ein paar Spiele und Trainingseinheiten, aber das wird von Tag zu Tag besser. Wir sind auch gemeinsam auf dem Zimmer. Wir verstehen uns gut und lernen uns immer besser kennen. Seine Qualitäten wie den sehr guten Spielaufbau sind bekannt. Ich bin mir sicher, dass er uns helfen wird.

Philipp Lienhart im Zweikampf mit Frankfurts Rafael Santos Borre

Philipp Lienhart im Zweikampf mit Frankfurts Rafael Santos Borre. (Foto: nur-der-scf.de)

Ihr seid beide Rechtsfüße. Im ersten Spiel hast dann überraschend du links gespielt.

Natürlich ist die linke Seite für mich auch eine Option. Aber ich glaube, da fällt die Entscheidung nicht nur zwischen ihm und mir. Schlotti kann da spielen, Manu kann da spielen. [Keven Schlotterbeck und Manuel Gulde] Wir haben mehrere Innenverteidiger. Da herrscht ein Konkurrenzkampf. Am Ende entscheidet dann der Trainer, wer wo spielt. Wir probieren im Training natürlich – wie immer alle, dem Trainer die Entscheidung so schwer wie möglich zu machen. Wer am Ende links, rechts – oder überhaupt – spielt, das wird sich dann herausstellen.

Christian Streich sagte zuletzt: „Wir haben nicht so viele Sechser.“ Ginter sei aber definitiv für die Innenverteidigung geplant. Ist die Sechser-Position bei dir ein Thema?

Da habe ich mit ihm noch gar nicht drüber gesprochen. Ich habe in der U21-Nationalmannschaft öfter mal im defensiven Mittelfeld gespielt. Ich könnte es vielleicht. Aber bei mir gilt auch: Meine Hauptposition ist die Innenverteidigung.

Die vergangene Saison und Gänsehaut-Momente

In der letzten Saison hat Nico Schlotterbeck mehr das nach-vorne-Verteidigen übernommen, das du selbst mal als eine deiner Stärken bezeichnet hast.

Ich glaube, dass es mir schon immer relativ gut gelungen ist, vorwärts zu verteidigen. Dass ich gegnerische Pässe antizipiere, usw. Aber natürlich kann ich mich immer weiter verbessern.

Mit Nico hast du in der letzten Saison sehr gut harmoniert. Da wart ihr, vor allem auch im Pokal, sehr erfolgreich. Wie war diese Saison für dich?

Es war auf jeden Fall besonders – eine sehr, sehr erfolgreiche Saison. Ich glaube, am Anfang waren wir zehn Spiele ungeschlagen. Dann hatten wir einen guten Flow. Wir waren ständig oben dabei und wollten das natürlich so lange wie möglich aufrechterhalten. Das ist uns auch gelungen, wir haben uns für die Europa League qualifiziert. Das ist eine sehr schöne Sache. Wir freuen uns darauf, dass wir in der neuen Saison international vertreten sind.

Im Pokal war es mit dem Finale natürlich eine coole Erfahrung. Wir hätten den Pokal am Ende auch gerne mitgenommen. Aber trotzdem war das Erreichen des Pokalfinals schon eine Riesenerfahrung. Die Fans im Finale waren einfach überragend. Aber auch schon vorher, beispielweise im Halbfinale in Hamburg. Wir hatten kein einziges Heimspiel und trotzdem wurden wir überragend unterstützt. Die Fans waren unter der Woche in ganz Deutschland unterwegs und haben geholfen. Und im Pokalfinale war es dann die Krönung. Da kriegt man schon Gänsehaut, wenn man sich daran zurückerinnert. Das war überragend von den Fans.

Auf vielen Weisen einzigartig: Die Fans des SC Freiburg beim DFB-Pokalfinale.

Auf vielen Weisen einzigartig: Die Fans des SC Freiburg beim DFB-Pokalfinale. (Foto: nur-der-scf.de)

Du sagtest mal, dass du ein schlechter Verlierer bist. Aber auch, dass du dich maximal 24 Stunden nach dem Spiel freust oder enttäuscht bist. Wie gut hat das nach dem Finale funktioniert?

Natürlich hat das dann etwas länger gedauert. Mein Glück war, dass im Nachhinein auch kein Spiel mehr kam. Also konnte ich da etwas länger enttäuscht sein. Wobei „enttäuscht“ eigentlich nicht das richtige Wort ist. Weil wir trotzdem stolz waren, dass wir so viel erreicht haben. Wir hätten natürlich gerne den Pokal mit nachhause genommen und den Fans geschenkt. Aber im Nachhinein überwiegt bei mir der Stolz, dass wir das geschafft haben.

Keven Schlotterbeck hat in einem Interview schon das „Projekt Pokalsieg“  für diese Saison ausgegeben.

Da würde ich nicht Nein sagen! Der Weg ist weit, das wissen wir schon. Aber natürlich würde jeder hier unterschreiben, dass es wieder ähnlich wie im letzten Jahr laufen soll.

Du hast schon die Europa League angesprochen. Du sagtest mal, dein Traum wäre es, im Old Trafford gegen Manchester United zu spielen. Die sind in Topf 1 gesetzt, Freiburg nicht, das wäre also möglich. Sind sie dein Wunschgegner?

Es wäre auf jeden Fall eine coole Erfahrung, in so einem Stadion mit solch einer Geschichte zu spielen. Aber auch gegen so einen Verein – gegen so gute Spieler. Da macht es Spaß, sich mit ihnen zu messen. Das wäre mit Sicherheit auch eine Erfahrung, die man nicht so schnell vergisst. Ein Wunschgegner ist es aber eher nicht – ich kann es ja auch nicht beeinflussen. Ich nehme jeden Gegner gerne. Aber gegen Manchester wäre es schon cool.

Lienhart bei der Nationalmannschaft

Ein weiterer Traum von dir war es, in der kommenden WM zu spielen. Im entscheidenden Spiel, als Österreich die Qualifizierung verpasste, hast du durch deine Corona-Erkrankung gefehlt. Wie war das für dich?

Echt  bitter. Corona ist natürlich immer scheiße, wenn man das bekommt. Dann auch noch zu so einem ungünstigen Zeitpunkt. Wobei es einen guten Zeitpunkt dafür ja gar nicht gibt. Es war sehr schade für mich, ich wäre gerne dabei gewesen. Ich hätte vielleicht auch gespielt. Das hat mir schon wehgetan, dass ich da nicht dabei sein konnte.

Seit der EM wurdest du in drei Quali-Spielen eingesetzt, die habt ihr alle gewonnen. In den anderen Spielen lief es nicht so gut. Macht es das noch schlimmer, dass du nicht mal was dafür kannst, dass ihr rausgeflogen seid?

Wir waren natürlich alle enttäuscht. Wir haben es uns erhofft und hatten dann noch die Chance über das Playoff-Spiel, das WM-Ticket klar zu machen. Im Endeffekt ist das nicht gelungen, aber ich glaube nicht, dass das an mir lag, nur weil wir davor mit mir eine gute Statistik hatten. Wales hat gewonnen und es war sehr schade für uns.

Mit deinen frischen 26 Jahren bist du jung genug, um noch eine weitere WM anzugreifen. Darauf arbeitet ihr jetzt mit einem neuen Trainer, Ralf Rangnick, hin. In der letzten Abstellungsperiode warst du nicht dabei. Gab es schon Kontakt und wie sehr freust du dich auf die Zusammenarbeit?

Ich freue mich auf jeden Fall! Kontakt gab es auch schon. Ich war leider krank. Beim letzten Heimspiel der Nations League war ich aber fit genug, um in Wien ins Stadion zu gehen. Da habe ich mich auch kurz mit ihm unterhalten. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit. Es weht jetzt ein frischer Wind in der Nationalmannschaft. Man hat auch anhand der Ergebnisse sehen können, dass wir frischen Schwung im Team haben. Dass wir Qualität haben, wusste man davor ja auch schon. Aber wir haben es nicht immer geschafft, die Qualität auf den Platz zu bringen. Jetzt wird es wichtig, dass wir einen guten Plan erarbeiten und in der Nations League erfolgreich weiterspielen.

Zur nächsten WM 2026 – bist du dann noch beim SC?

Das ist auf jeden Fall möglich. Aber das ist jetzt sehr weit in die Zukunft geschaut. Im Fußball geht so vieles so schnell. Es ist möglich, aber das kann ich dir jetzt noch nicht sagen.

Pläne und Wünsche für die anstehende Saison

Die Saison steht kurz bevor, ihr seid in der Vorbereitung. Was würdest du diese Saison gerne – persönlich oder mit dem Verein – erreichen?

Persönlich möchte ich gerne wieder auf viel Spielzeit kommen, in allen Wettbewerben. Das wäre top für mich. Als Mannschaft wollen wir uns in der Bundesliga gut präsentieren und so viele Punkte wie möglich holen. In der Europa League müssen wir mal abwarten, welche Gegner wir bekommen. Aber wir wollen uns da auf jeden Fall gut präsentieren. Ein kurzfristiges Ziel wäre auch der Pokal. Wir haben ein schwieriges Los bekommen, aber wir wollen auf jeden Fall die Runde überstehen.

Wie sehr helfen euch die Neuzugänge dabei? Michael Gregoritsch kennst du schon sehr lange, aber natürlich auch Ritsu Doan und Daniel-Kofi Kyereh?

Ich habe einen guten Eindruck von unseren Neuzugängen. Wir haben Spieler mit viel Qualität dazu bekommen. Jetzt haben wir einen sehr breiten Kader mit vielen guten Spielern. Das brauchen wir diese Saison, weil viele Spiele auf uns zukommen. Ich glaube, da wird jeder auf Spielzeit kommen und seine Stärken ausspielen können.

Auch am Ball ist Philipp Lienhart stark.

Auch am Ball ist Philipp Lienhart stark. (Foto: nur-der-scf.de)

Mit drei neuen Offensivspielern könnte man meinen, dass du nicht mehr so viele Tore schießen musst. Du hattest letzten Sommer eins mehr als deine vorigen vier Tore als Ziel ausgegeben. Jetzt hast du fünf geschafft – dieses Jahr dann sechs?

(lacht) Das würde ich unterschreiben! Ich weiß natürlich, dass es relativ schwer ist, ein Tor zu schießen, vor allem als Innenverteidiger. Aber unsere Standards kamen sehr gut. Ich habe viel gespielt, dadurch hatte ich auch die ein oder andere Möglichkeit. Ich glaube, da habe ich auch einen Schritt nach vorne gemacht. Auch in den Jahren davor hatte ich immer wieder Chancen, die ich nicht gemacht habe. Da haben vielleicht die Nerven versagt. (lacht) Das hat mich auch richtig gestört. Darum habe ich daran gearbeitet, dass ich mich besser positioniere und zu Chancen komme. Wenn es dieses Jahr noch ein Tor mehr wird, würde ich mich auf jeden Fall freuen.

Woher kommt dieser Tor-Riecher?

Ich habe überlegt, wo ich mich verbessern kann und was mir schwer fällt. Wie bewegt sich ein Stürmer? Bei defensiven Standards habe ich die Aufgabe, die gegnerischen Stürmer zu verteidigen. Da schaue ich, was mir selbst beim Verteidigen schwer fällt – das versuche ich mitzunehmen und selbst vorne umzusetzen. Ich war ja häufig nicht mal am ersten Ball und habe die Flanke bekommen, sondern eher Abstauber-Tore gemacht. Da ist es dann wichtig, hellwach zu bleiben, schnell zu reagieren und sich in eine gute Position zu bringen.

Obwohl du so torgefährlich bist, hast du im Pokalfinale keinen Elfmeter geschossen. Ist das etwas, das du dir fürs nächste Mal vornimmst?

Wir haben einfach vorher diese Reihenfolge gewählt. Die Jungs wollten alle schießen, dann ist es okay für mich. Da war auf jeden Fall richtig Druck im Finale. Da war es mir auch nicht unrecht, dass andere geschossen haben. Ich glaube, wir haben schon ein paar bessere als mich.

Ich wünsche euch eine erfolgreiche Saison. Am 18 Mai 2023 wird dann der Pokal in die Luft gehoben!

(lacht) Ja, hoffentlich! Danke.

Quelle Titelbild: nur-der-scf.de

Autor: Nik Staiger (TwitterInstagram)

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